Am nächsten Morgen befand sich Magnus schon bei Sonnenaufgang mit seiner Cessna in der Luft. Der Himmel war wolkenlos und die Lichtspiegelungen verzauberten die Landschaft. Magnus dachte daran, dass er diesen Anblick in den nächsten Wochen wohl sehr vermissen würde, und dass er in seinem ganzen Leben noch nie länger als zwei Wochen von seiner Insel getrennt gewesen war.

Ein wehmütiges Gefühl stieg in ihm auf, als er über dem Gletscher zu einer Linkskurve ansetzte. Die Sonne schien ihm über dem fast zweitausend Meter hohen Berg direkt ins Gesicht, als der Motor anfing zu stottern. Zuerst nahm Magnus das gar nicht wahr, denn in diesem Zustand glaubte er nicht nur das Paradies zu beobachten, er fühlte sich mittendrin.

anna und die engel vom jakobsweg 3 pos linksErst als der Motor den Dienst völlig verweigerte, wurde ihm die Situation klar. Blitzschnell erinnerte er sich an seine Ausbildungen, bei denen er gelernt hatte, in schwierigem Gelände notzulanden.
„Ist das eine traumhafte Landschaft!“ dachte er und genoss den geräuschlosen Sinkflug, während seine Insel rasch näher kam. Eine bessere Sicht zum Finden eines geeigneten Notlandeplatzes konnte es nicht geben. Magnus hatte eine schneebedeckte Ebene ausgemacht und steuerte darauf zu. Seine Maschine war gleichzeitig mit Rädern und Kufen ausgerüstet, egal also auf welchem Untergrund er landen musste, sie war bestens dafür geeignet. Kurz bevor er aufsetzte, gab er noch per Funk seine Position durch. Dadurch war er einen Moment vom Landemanöver abgelenkt. Die Maschine sackte plötzlich durch und knallte auf den Boden. Schnee wirbelte auf und es gab einen heftigen Knall.
Das Flugzeug war auf einem kleinen Gletschersee hart aufgesetzt und geriet außer Kontrolle. Die Fahrwerkskufen verhakten sich im Eis, die Maschine überschlug sich und blieb verkehrt herum liegen. Dabei hielten sie die Tragflächen auf dem Eis, aber die Kabine wurde durch den heftigen Überschlag durch das Eis gedrückt und aufgerissen.

Magnus war einen kurzen Moment ohnmächtig. Als er wieder zu sich kam, merkte er, dass er kopfüber im eisigen Wasser lag. Instinktiv löste er seinen Gurt. Er sank etwas ab und versuchte seine Arme und Beine zu bewegen, aber sein Körper war stark unterkühlt. Er schaffte es noch bis unter die Eisdecke, durch die hindurch er schemenhaft den blauen Himmel und die morgendlichen Sonnenstrahlen sehen konnte. Es kam ihm vor, als bewege er sich in einer gallertartigen, festen Masse, die nur langsame Bewegungen zulässt. Mit letzter Kraft drückte er seine Hände gegen das Eis, als plötzlich und etwas verschwommen in einem hellen Licht Anna vor ihm auftauchte. Sie kniete auf dem Eis und legte ihre Hände auf seine. Sie lächelte und er erwiderte ihr Lächeln. Dann schrie er ihren Namen, atmete dabei Wasser ein und versank langsam im tiefblauen See.