Plötzlich raschelte es im Gebüsch und Anna drehte sich nach links. Hinter einem riesigen Farnstrauch schauten Hals und Kopf eines Rehs heraus und die großen, dunklen Augen blickten direkt zu Anna hinüber.
„Hallo Reh, “ flüsterte sie, „ich bin Anna.“ Sie machte einen Schritt nach vorn, das Reh erschrak und lief weg.
„Halt“, schrie Anna und rannte hinterher. Sie lief in den dicht bewachsenen Wald und wurde auf abschüssigem Gelände immer schneller. Sie konnte nicht mehr stoppen und fiel hin. Auf dem steiler werdenden feuchten Boden rutschte sie immer schneller und sah plötzlich einen steilen Felsabgrund auf sich zukommen. Anna schrie laut, als sie über die harte Felskante rutschte und durch die Luft wirbelte. Sie sah den felsigen Boden weit unter sich, dann den blauen Himmel, dann den grünen Wald, der Wind blies ihr um die Ohren, sie wirbelte herum, Boden – Himmel - Wald. Sie schrie sich die Seele aus dem Leib und der Felsboden kam immer näher. Dann, plötzlich, gab es einen leichten Ruck und sie schaute nur noch in den blauen Himmel. Anna wurde ohnmächtig.
anna und die engel vom jakobsweg 4 pos rechtsAls sie wieder zu sich kam, blickte sie durch ein grünes Blätterdach in den Himmel. Anna wollte aufstehen, aber ihre Beine waren vor Schreck noch weich wie Pudding. Vor ihr standen große, alte, mit
Moos überwucherte Eichen, an denen seltsame Pilze wuchsen. Hinter sich konnte sie in einiger Entfernung den Steinbruch erkennen, in den sie fast hundert Meter tief gestürzt war. Sie wunderte sich, wie sie hierher gekommen war. Ihr Rucksack lag neben ihr und sie schien überhaupt keine Verletzungen zu haben. Hinter dem Stamm einer besonders dicken Eiche hörte sie Stimmen.
„Das hast du jetzt davon. Mit einem kleinen Mädchen auf den Jakobsweg zu kommen.“
„Ach du schon wieder. Immer musst du nur meckern, meckern, meckern.“
„Ja und? Hab ich nicht Recht gehabt? Die Göre rennt doch hin, wo sie will. Wenn sie auf ihre Mutter gehört hätte, wäre sie auf dem Weg geblieben und nicht hier heruntergefallen.“
„Ha! Soll ich dir was von Schuld erzählen? Was lässt du auch zu, dass ein Reh das Mädchen vom Weg abbringt? Hast du deine Gegend hier nicht unter Kontrolle?“
„Kontrolle. Das ich nicht lache. Was ist denn mit deinem Lehrling los? Weg ist er. Jetzt hat er erkannt, was wir alles können und vor Schreck ist er abgehauen. Wer weiß, wo wir den wiederfinden, wenn überhaupt.“
„Immerhin hat er die Situation gerettet.“
„Hallo? “ rief Anna verwundert, „wer ist denn da?“
Einen Moment herrschte Stille.
„Jetzt kann sie uns auch noch hören. Nicht, dass sie uns auch noch sehen kann.“
„So ein Quatsch. Niemand kann uns sehen.“